Bodentoiletten, kaltes Wasser, fremde Schuhe – und ganz viel Herzlichkeit in einer anderen Welt

Erfahrungsbericht einer 30-jährigen Deutschen im Waisenhaus Hope Home in Tansania

Mit den Worten „Es gibt keine richtige Toilette“ werde ich am Kilimanjaro Flughafen in Tansania abgeholt. Somit ist meine schlimmste Vorstellung tatsächlich wahr geworden.

Im Grunde hatte ich keine Ahnung, was mich bei meinem einwöchigen Aufenthalt in einem tansanischen Waisenhaus erwarten würde. Schließlich hatte ich erst drei Wochen zuvor beschlossen, das Abenteuer anzugehen und meine Schulfreundin Denise, die Initiatorin von Weltherz e.V., bei ihrem Besuch zu begleiten. Als ich nun diesen Satz höre, bin ich plötzlich gar nicht mehr so sicher, wie abenteuerlustig ich wirklich bin. Umkehren kann ich jetzt aber nicht mehr. Also Augen zu und durch.

Zeitreise in die Vergangenheit

Kurz zusammengefasst: Dreht man unsere Lebensbedingungen in Deutschland um ein halbes Jahrhundert zurück, kommt man in Boma Ng’ombe in Tansania heraus – für mich, in den späten 80-igern geboren, eine komplett andere Welt. Fließendes, eiskaltes Wasser zum Duschen gibt es nur an einem einzigen Abend. An den restlichen Tagen müssen Eimer ausreichen. Völlig überfordert bin ich anfangs auch mit der Bodentoilette – für mich absolutes Neuland.

Für die 18 Kinder und drei Erwachsenen im Hope Home gehören die einfachen Verhältnisse zum Alltag. Sara und Joseph, die Betreiber des Waisenhauses, kümmern sich selbstlos um ihre eigenen drei und die weiteren Pflegekinder bzw. Voll- und Halbwaisen. Das Wohl der Kinder, die sie alle Mama und Papa nennen, steht für sie immer an oberster Stelle. Trotzdem fehlt es an vielem, was für uns selbstverständlich ist: Die Kleidung ist verschlissen, Schlafanzüge oder auch ein Kühlschrank sind nicht vorhanden. Gekocht wird für alle auf einem einzigen Holzofen, weshalb die Zubereitung des Abendessens gerne mal zwei Stunden dauert. Und wenn Sarah und Joseph den Strom nicht zahlen können, wird er kurzerhand abgestellt. Sogar zwei Umzüge waren in diesem Jahr schon nötig – weil sie die Miete nicht zahlen konnten.

Die Kinder lassen sich von all dem nicht beirren. Ich habe noch nie zuvor solch aufmerksame, zuvorkommende und fleißige Kinder getroffen. Alle helfen hier zusammen: Die Älteren kümmern sich um die Jüngeren. Sie achten darauf, dass sie essen, gebaden und angezogen sind. Sie tragen die schlafenden Kinder in ihre Betten, unterstützen bei der Wäsche, beim Kochen und dem Abwasch. Am meisten beindruckt mich, dass die Kinder alles brüderlich miteinander teilen. Von uns mitgebrachte Süßigkeiten werden gerecht verteilt, auch an uns. Das gilt auch für Kleidung und Schuhe. Getragen werden die Schuhe, die übrig bleiben, „meine“ und „deine“ gibt es nicht.

Spielen und Lernen im Hope Home

Wir nutzen die Zeit vor Ort, um mit den Kindern zu spielen und zu lernen. Neben Hüpfgummi und Ballspielen wie Fußball oder Federball steht auch Englisch auf dem Programm. Beim Memory lernen wir die Vokabeln der Motive und mit den älteren Kindern zusätzlich Grammatik. Im Gegenzug bringen die Kinder mir einige Wörter Suaheli bei, welche mir die einfachsten Einkäufe selbständig ermöglichen. Die Kinder nennen mich seitdem entweder „Miss Nina“ oder „Teacher“.

Beim Besuch im „Schwimmbad“ – bestehend aus einem Pool und einem Spielplatz – stehen Schwimmübungen mit allen Kindern auf dem Programm. Da es keine Badesachen für die Kinder gibt, springen die Mädchen kurzerhand voll bekleidet ins Becken und die Jungen mit ihren abgetragenen Unterhosen. Ich war ziemlich erstaunt „meine“ Flipflops im Schwimmbad zu finden. Die hatte sich wohl eines meiner neuen Familienmitglieder ausgeliehen.

Neben dem Schwimmbad ist der Kauf der Schulräder das zweite Highlight während unseres Besuchs. Mit sieben Kindern Fahrräder kaufen ist nicht so einfach, da wir für alle die richtige Größe finden müssen. Nach deutscher Manier testet Denise jedes einzelne Rad auf seine Fahrtüchtigkeit. Unter Kopfschütteln tauschen die Verkäufer daraufhin einige Reifen oder ziehen die Bremsen nach. Fahrtauglichkeit ist eben Definitionssache. Zu Hause polieren die Kinder ihre neuen Räder auf Hochglanz. Nachts werden sie ins Haus geräumt, damit sie nicht gestohlen werden. Mithilfe der Fahrräder spart sich das Hope Home das Geld für die Schulbusse.

Dass die Kinder im Hope Home unbeschwert spielen und sogar die Schule besuchen können, ist keine Selbstverständlichkeit. Sehr bewegend sind die Einzelschicksale, die ich in diesen Tagen kennen lerne. Ein 15-jähriges Mädchen sollte zwangsverheiratet werden. Viele Kinder lebten auf der Straße oder wurden von ihren Familien verstoßen. Von einem Geschwisterpaar wurden beide Elternteile aufgrund eines Diebstahlverdachts zu Tode geprügelt. Diese Kinder trotz ihrer Erlebnisse so unbeschwert spielen, lachen und leben zu sehen, war die Reise definitiv Wert. Es war eine einzigartige Erfahrung, überraschend und ergreifend. Und das mit der Hocktoilette hab ich am Ende auch hinbekommen.

Autorin: Nina Roßberg

Nina Roßberg ging mit Denise Benz, Initiatorin von Weltherz e.V., in die Schule und war von ihren Berichten so ergriffen, dass sie gleich selbst ihren Koffer packte, um das Ganze vor Ort anzusehen.

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